::: Eva Maria Nitsche :::
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Bevor ich anfing, den "Tarot der Trance" zu malen, hatte ich bereits viele Erfahrungen mit imaginativen Reisen gesammelt. Ich wanderte über die Wiesen der inneren Welt, bestieg Berge und Gipfel, tastete mich durch dunkle Höhlen und stürzte mich in tiefe Vulkane. Ich begegnete Helferwesen und Krafttieren, ließ mich von Adlern davon tragen, folgte Wölfen und dem Puma und ließ mich von einer Bärin ernähren.

Über die Jahre geriet ich immer tiefer in eine schamanische Welt und viele ihrer eigentümlichen Gesetze und Werkzeuge wurden mir allmählich vertraut. Ich entdeckte abgespaltene Seelenanteile, die ich zurückholte und integrierte, ich lernte verstrickte Energiefäden zu ordnen und neu zu verknüpfen und webte neue Lebensmuster.

Lange dachte ich in den Kategorien des Imaginierens, des Tagträumens und der bloßen Vorstellung im Sinne des Katathymen Bilderlebens. Doch je länger ich in den Landschaften herumwanderte, desto mehr empfand ich sie als eine eigenständige Welt, die auch existiert, wenn ich sie nicht imaginiere. Die Imagination selbst schien nur der "Passagierschein" zu sein. Sie war nicht länger nur eine Fähigkeit meiner Psyche, sondern ein Kanal, der mich in ein anderes Reich führte.

Ich empfand mich immer mehr als Besucher, denn als der Schöpfer dieses Reiches – um am Ende doch wieder als Schöpfer daraus hervor zu gehen. Ich hatte immer mehr den Eindruck, dass wir multidimensionale Wesen sind, die in mehreren Dimensionen zu Hause sein können. Manchmal war ich mir nicht mehr so sicher, in welcher Welt wir nun die Besucher und in welcher Welt wir in Wahrheit zu Hause sind. Denn in der schamanischen Welt schien die Seele endlich das zu erfahren, wonach sie sich in der Alltagswelt immer so sehr sehnt: Sinn, Präsenz, Erkenntnis, Geborgenheit, Sicherheit, Liebe, Schöpfertum, Identität, Hilfe und Heilung, Unendlichkeit und Wahrheit.

Dagegen waren meine Erfahrungen in der Alltagswelt durchaus nicht frei von Unsicherheit, Zweifel, Unklarheit, Getrenntheit und Angst. So fragte ich mich manchmal, aus welchem "Traum" ich lieber aufwachen würde. Doch je länger ich reiste, desto mehr empfand ich die tiefe Sinnhaftigkeit und Verwobenheit beider Welten. (Und ich bin mir sicher, es gibt noch viele mehr).

Das schamanische Reich ist das Reich eines universellen Kraft- oder Energiegewebes, das alles, was existiert, durchzieht und miteinander verbindet. In diesem Gewebe fließt alles Wissen und alle Lebensenergie. Es lässt unsere gesamte Welt als einen lebendigen, beseelten Organismus voller Bewusstsein und Sinnhaftigkeit begreifen, innerhalb dessen jeder einzelne einen sinnvollen Platz hat.

Obwohl die schamanische Welt ihre eigenen Gesetzte hat und die Wesen darin sehr eigenständig und auch sehr bestimmt agieren, erlebte ich dort viel schöpferische Freiheit. Ja es schien geradezu eine zentrale Aufgabe des seelischen Wachstums und Heilens zu sein, sich selbst als Schöpfer seines Lebens mit all der großen Freiheit wahrzunehmen, die in den vielen Möglichkeiten des Handelns und Fühlens, Wahrnehmens und Erkennens liegen. Immer mehr empfand ich das Erwerben von Wissen und Kraft, das Entwickeln von Autonomie und Freiheit als das Ziel der Großen Reise – des Großen Reise des Lebens.

Ich erfuhr in dieser Welt vitale Kräfte in unmittelbarer Form. Es gibt helfende Krafttiere, Energie spendende Kraftsteine, transformierende Feuer, reinigende Quellen, heilende Tränke und Rituale.

Ich erfuhr mich als ein Kind, das endlich seine unerschöpflichen Spiele spielen durfte, um wachsen zu können, das sich ganz dem heiligen Moment seines kreativen Handelns hingeben konnte und ich empfand andererseits eine gewisse Strenge, die aus dem Prinzip der Eigenverantwortlichkeit erwächst. Ich erfuhr eine sehr energische Aufforderung zu Wachstum, Entwicklung, Bewusstheit, Nüchternheit, Selbstbeherrschung, Mut und Klarheit. Klarheit, die aus dem kompromisslosen Kontakt zu seinen Gefühlen und Gedanken erwächst.

Wieder in der Alltagswelt spürte ich vor allem eine kreative Schubkraft als unmittelbare Folge meiner Reisen. Eine Liebe zum Gestalten und Erschaffen aus sich selbst heraus. Dabei interessierte mich weniger der künstlerische Anspruch oder ein perfektes Ergebnis, sondern der schöpferische Vorgang selbst. Eine wichtige Botschaft war, die transformierende Kraft zu erfassen, die darin liegt, sich selbst als Schöpfer zu begreifen und erfahren.

Während des Malens des "Tarot der Trance" versenkte ich mich immer wieder in seine Bilderwelt, um mit seinen Archetypischen Arkana möglichst direkt in Beziehung zu treten. Allmählich erfasste ich, dass der Tarot eine große Initiationsreise beschreibt - dass er das menschliche Leben als eine große Initiationsreise beschreibt, in der sich der Mensch transformiert, ja selbst neu erschafft. Er spiegelt den Prozess der spirituellen Persönlichkeitsentwicklung wider, wie er in einem sinnvollen Gefüge von archetypischen und kosmologischen Gesetzmäßigkeiten erfolgt. Er lässt uns das Leben als einen sinnvollen Prozess in einem sinnvollen Ganzem begreifen.

Er lädt ein zur Entfaltung einer inneren Meisterschaft:
Der Mensch beginnt seine Reise als Narr, als die große Null, als der Kreis, der das Weltall bereits in sich trägt und in dem alle Potentiale des Lebens verborgen sind. Der Narr trägt die Vollkommenheit bereits in sich. Seine Narrenfreiheit ist so weise wie naiv und es bedarf noch einer langen Reise bis er sich dem Ziel eines befreiten Bewusstseins nähert. Bis er seine Aufgabe der Individuation nachgekommen ist, sich seiner selbst in all seinen Facetten bewusst zu werden.

Er steht noch am Beginn der Reise von der unerfahrenen Unbewusstheit zur erfahrenen Bewusstheit. Er trägt bereits das Gesetz der Polarität in sich, das Drama des Individuums zwischen dem Allein-Sein und dem All-Eins-Sein, zwischen der Einzigartigkeit und der Einheit, zwischen dem Getrennt- und Unterschiedensein und dem Wunsch nach Ganzheit und Heilung.

Wir alle suchen nach Heilung, wir alle wollen heil und ganz werden und dieser Prozess ist ein Bewusstheitsprozess.

Wenn sich der Narr bewusst wird, dass er selbst der Schöpfer seines Lebens ist, wird er zum Magier. Auf psychologischer Ebene erkennt er, welche unbewussten Konditionierungen, Verhaltensmuster und Überzeugungen sein Leben bestimmen, wie seine Wahr-Nehmung seine Wahrheit bestimmt und seine Welt kreiert.

Auf energetischer Ebene lernt er Einfluss zu nehmen. Er bekommt Klarheit über seine Absichten, er lernt, seinen Willen zu fokussieren, er lernt seine Gedanken und Emotionen zu disziplinieren und zu bündeln. Er lernt Energieräume für neue Möglichkeiten zu erschaffen und seine Potentiale zu entwickeln. Er lernt, in die Kraftgewebe einzugreifen. Denn er hat die Angst kennen gelernt.

Je bewusster er sich seiner Getrenntheit und Begrenztheit, seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit wurde, desto mehr erlebte er sich als Spielball des Lebens, als Opfer der Umstände und desto mehr will er Einfluss und Kontrolle auf das Geschehen ausüben, um diesen machtlosen Zustand zu überwinden.

Der Tarot beschreibt nun, wie der Reisende in der Hohepriesterin seiner Anima begegnet, die die tatkräftige Yang-Energie des Magiers mit der fließenden Yin-Energie ausgleicht.

Wie er die Kunst des Ausgleichs zwischen dem Geschehen- und Loslassenkönnen und dem kraft- und absichtsvollen Handeln lernt.

Wie der Reisende mit der Begegnung der Herrscherin und des Herrschers den profanen Begrenzungen des Lebens ausgesetzt ist und sich die schier omnipotente Magie des eigenen Willens und der eigenen Potentiale in ein zielgerichtetes Handeln kanalisieren muss. Wie ihn die Erfahrungen des Lebens immer wieder in neue Grenzen weisen, die ihn zu Bescheidenheit und Demut zwingen. Wie er immer wieder seiner Angst begegnet, die er nur heilen kann, indem er seine Ego-Zentrik überwindet, sein Ich transzendiert und seine Verbundenheit mit der Welt erfasst.

So wird er der Liebe und der Kraft begegnen, um sich von der Illusion des Getrenntseins zu erlösen, um dann im Eremiten wieder seiner Einsamkeit zu begegnen, durch die er das Einssein und die inneren Weisheit entdeckt.

Er wird im Rad des Schicksals über sein Leben hinaus auf karmische Gesetze stoßen, er wird sich mit Mäßigung und Energieausgleich beschäftigen müssen und sich kopfüber in die dunkelsten Schattenreiche von Tod und Teufel stürzen. Hier wird er all den beängstigenden, verleugneten Selbstbildern gegenüber stehen und erkennen, dass Identitätsarbeit vor allem auch Integrationsarbeit ist.

Und wieder wird er im Turm seine gewonnenen Überzeugungen zerstören und seine begrenzte Identität aufgeben müssen, um den Blick auf Sterne, Mond und Sonne frei zu bekommen, damit er über sich selbst hinaus wächst, sich seinem Wahren Selbst nähern kann und eins wird mit der Welt.

Diese Schilderung könnte den Eindruck eines linearen Geschehens, einer fast zwangsläufigen Entwicklung vermitteln. Doch so wie es die unterschiedlichen Legesysteme beim Tarot gibt, gibt es die individuellsten Lebenspläne und Entwicklungen beim Menschen.

Und so wie der Spieler nach dem erscheinen der Karte der "Welt" plötzlich wieder den "Narren" ziehen kann, so scheint man sich im Leben oftmals wieder vor alten, längst überwunden geglaubten Problemen, Ängsten und Schwierigkeiten gestellt.

Und obwohl man meint, schon so viel gelernt, erfahren und erkannt zu haben, fühlt man sich zuweilen wieder wie ein Anfänger, beginnt zu zweifeln und muss zusehen, wie ein zuverlässig geglaubtes Gedankengebäude wieder zu wanken beginnt.

Man erkennt die spiralförmige Natur seiner Entwicklung und so wie in den Energiegeweben der schamanischen Reiche alles seinen sinnvollen Platz und seinen Wert hat, heben auch jede Erfahrung, jeder Gedanke, jede Erkenntnis und jedes Gefühl seinen Wert und alles scheint sich zu einem sinnvollen Ganzen zu fügen.

So beginnt man zu akzeptieren, dass das Spiel des Lebens eben solange dauert wie das Leben und womöglich noch weit darüber hinaus.